Geschrieben von
Claudia Monstein
Technologie & Entwicklung
30.6.2026

Anforderungen erheben und priorisieren. Oder: System statt Wunschkonzert

Am Anfang eines Softwareprojekts stehen oft viele Ideen, Wünsche und Anforderungen im Raum. Klingt gut, kann aber schnell unübersichtlich werden. Denn nicht jede Anforderung bringt automatisch Mehrwert. Und nicht jede gute Idee funktioniert später auch im Alltag. Gerade im Gesundheitswesen treffen unterschiedliche Bedürfnisse, komplexe Prozesse und klare Rahmenbedingungen aufeinander. Deshalb geht es im Requirement Engineering darum, die richtigen Fragen zu stellen, Annahmen früh zu prüfen und gemeinsam herauszufinden, was wirklich hilft. So entsteht Software, die einen echten Unterschied macht.

Mit Interviews Anforderungen gezielt erheben

Ein wichtiger Teil der RE-Phase ist der direkte Austausch mit den Menschen, die später mit der Software arbeiten. Interviews helfen, Anforderungen strukturiert zu erfassen und unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Je nach Projekt eignen sich verschiedene Formate: Strukturierte Interviews arbeiten mit vordefinierten Fragen und eignen sich besonders bei grösseren Zielgruppen. So werden Antworten vergleichbar und lassen sich einfacher auswerten. Die Befragungen können beispielsweise auch online mit Tools wie Google Forms durchgeführt werden. Halbstrukturierte oder unstrukturierte Interviews lassen dagegen mehr Raum für spontane Rückfragen und neue Themen. Gerade bei komplexen Prozessen entstehen dadurch oft wertvolle zusätzliche Erkenntnisse. Wichtig ist bei beiden Ansätzen vor allem eines: Gute Ergebnisse entstehen nicht durch möglichst viele Fragen, sondern durch die richtigen Fragen. Und durch genau Hinhören bei den Antworten.

Mit Contextual Inquiry den Arbeitsalltag besser verstehen

Nicht alles lässt sich in Interviews erfassen. Gerade im Gesundheitswesen unterscheidet sich die Realität im Alltag oft deutlich von theoretisch definierten Prozessen. Bei der sogenannten Contextual Inquiry werden Benutzer:innen deshalb direkt in ihrem Arbeitsalltag begleitet und beobachtet. Es zeigt sich, wie Prozesse wirklich ablaufen, wo Medienbrüche entstehen oder welche Arbeitsschritte unnötig Zeit
kosten.

Kritische Fragen stellen, bevor es teuer wird

Digital-Health-Projekte scheitern selten an fehlenden Ideen. Und oft auch nicht an der Technologie. Kritisch wird es dort, wo Annahmen nicht zur Realität passen: zum Praxisalltag, zu bestehenden Prozessen, zu regulatorischen Vorgaben oder zum Vergütungssystem. Darum reicht es nicht, Anforderungen zu sammeln und dann direkt loszucoden. Vorher muss klar sein, was die Lösung leisten soll, wie echter Nutzen entsteht und wo die Risiken liegen.

Im Zentrum stehen dabei Fragen wie:

  • Welches Problem soll tatsächlich gelöst werden?
  • Für wen entsteht ein konkreter Mehrwert?
  • Wie verändert sich der bestehende Ablauf?
  • Passt die Lösung in die Realität des Schweizer Gesundheitswesens?
  • Kann die Lösung langfristig sinnvoll betrieben werden?

Mit Value Proposition Canvas echte Bedürfnisse verstehen

Um diese Fragen systematisch zu beantworten, setzt healthinal gerne auf eine Value Proposition. Die Methode hilft dabei herauszufinden, ob eine geplante Lösung tatsächlich zu den Bedürfnissen der späteren Benutzer:innen passt. Der Fokus liegt auf folgenden drei Themen:


Jobs
Welche Aufgaben möchten Benutzer:innen erledigen?
Pains
Welche Probleme, Hürden oder Frustrationen treten dabei auf?
Gains
Welche Ergebnisse oder Verbesserungen wünschen sie sich?


Diesen Bedürfnissen wird anschliessend das geplante Wertangebot gegenübergestellt:


Pain Relievers
Wie werden bestehende Probleme konkret gelöst?
Gain Creators
Wie entsteht zusätzlicher Nutzen?
Produkte und Dienstleistungen
Welche Funktionen oder Leistungen liefern diesen Mehrwert?


So wird deutlich sichtbar, ob eine Idee tatsächlich ein relevantes Problem löst oder ob wichtige Annahmen nochmals überprüft werden müssen. Eine Value Proposition ist dabei kein einmaliger Workshop. Annahmen werden laufend hinterfragt, getestet und weiterentwickelt. Schritt für Schritt entsteht so eine Lösung, die nicht nur technisch funktioniert, sondern auch im Alltag echten Mehrwert schafft.

Mit der Kano-Methode Anforderungen sinnvoll priorisieren

Sind Anforderungen einmal gesammelt, stellt sich die nächste wichtige Frage: Was davon ist wirklich entscheidend? Denn nicht jedes gewünschte Feature hat automatisch denselben Stellenwert. Gerade bei frühen Produktversionen ist eine klare Priorisierung wichtig. Eine häufig eingesetzte Methode dafür ist die Kano-Umfrage. Sie hilft dabei,
Anforderungen besser einzuordnen und den Fokus auf die Funktionen mit dem grössten Mehrwert zu legen.

Dabei werden Features typischerweise in drei Kategorien unterteilt:

  • Basismerkmale
    Funktionen, die Benutzer:innen erwarten und die zwingend vorhanden sein
    müssen.
  • Leistungsmerkmale
    Funktionen, deren Qualität die Zufriedenheit direkt beeinflusst.
  • Begeisterungsmerkmale
    Zusätzliche Funktionen, die positiv überraschen können.

Um herauszufinden, wie relevant einzelne Funktionen tatsächlich sind, werden Features bei der Kano-Umfrage sowohl funktional als auch dysfunktional bewertet. Es wird also nicht nur gefragt, wie Benutzer:innen reagieren würden, wenn eine Funktion vorhanden ist, sondern auch, wie sie reagieren würden, wenn sie fehlt. So lässt sich klarer entscheiden, welche Anforderungen entscheidend sind und welche Funktionen später folgen können.

Auswertung Kano-Umfrage mit Heatmap sortiert nach Priorität

Anforderungen iterativ überprüfen statt einmalig definieren

Requirement Engineering endet nicht nach dem ersten Workshop oder einem einzelnen Fragebogen. Gute Anforderungen entstehen Schritt für Schritt – durch Austausch, Überprüfung und kontinuierliche Anpassung. Gerade im Gesundheitswesen ist das entscheidend. Denn erfolgreiche Software muss nicht nur technisch funktionieren, sondern sich auch sinnvoll in bestehende Prozesse integrieren lassen
und im Alltag einen guten Job machen. Im nächsten Teil unserer RE-Serie zeigen wir, wie die definierten Anforderungen anschliessend visualisiert und gemeinsam greifbar gemacht werden können.

Du hast den ersten Teil verpasst? Erfahre hier, warum Requirement Engineering der Schlüssel zu nutzerzentrierter Softwareentwicklung ist.

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